Wozu denn heute noch Latein lernen?
Latein ist mehr als Grammatik und Vokabeln. Es schult genaues Denken, stärkt Sprachgefühl und öffnet den Blick auf Europas Kulturgeschichte. Gerade deshalb bleibt die Frage aktuell, welchen Platz humanistische Bildung in einer modernen Schule haben soll.
Eines vorweg: Man kann ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen, ohne je Latein gelernt zu haben. Etwas Latein schadet dabei aber auch nicht. Seine Vorzüge sind oft aufgezählt worden. Ich beschränke mich hier auf das, was mir am wichtigsten erscheint.
Latein bietet als Sprachfach eine solide Grundlage zum Ausbau sprachlicher Kompetenzen und Fertigkeiten. Man lernt, genau hinzuschauen, Strukturen zu durchblicken, komplex zu denken, man erweitert darüber hinaus den eigenen Wortschatz sowohl in Deutsch als auch in den sogenannten modernen Sprachen, besonders in Englisch und natürlich den romanischen Sprachen.
Gleichzeitig ist die europäische Geistesgeschichte ohne Latein nicht zu denken, egal ob es sich um Mythologie oder Geschichte, ob um Recht oder Rhetorik, ob um Philosophie, Theologie oder Naturwissenschaft handelt. Mit dem Kulturfach Latein gelangt man leichter zu einem allgemeinen Verständnis der Herkunft und Entwicklung Europas, das die viel beschworenen Werte unserer Zivilisation hervorgebracht hat.
Integrationsstiftender Beitrag
Zur sprachlichen Förderung und kulturellen Verinnerlichung leistet der Lateinunterricht somit einen wichtigen, mancherorts auch integrationsstiftenden Beitrag. Er tut dies im Gymnasium, jener Schulform unseres differenzierten Schulwesens, die für den besonders sprachenaffinen Teil der Jugend zuständig ist. Dort ist Latein auch zurecht als typenbildend verankert. Keiner wird gezwungen, diesen Schultyp zu durchlaufen. Es gibt genügend andere Möglichkeiten der Schul- und Typenwahl. Und Wahlfreiheit ist ein Gut, für das einzutreten gerade uns Couleurstudenten gut ansteht.
Trotz der genannten Vorzüge ist Latein in den letzten Jahrzehnten innerhalb des Fächerkanons immer wieder auch zur Disposition gestanden und war – wie erst jüngst – oft heftigen Angriffen ausgesetzt. Unter dem Deckmantel der Modernität wollte man es reduzieren oder gar ganz abschaffen. Hohle Phrasen wie „die Jugend zukunftsfit machen“ sollten dabei als Begründung ausreichen.
Der Kampf um die eigene Existenz hat die Lateinlehrerinnen und -lehrer zusammenwachsen lassen. Keine andere Fachgruppe ist untereinander so gut vernetzt, keine besucht in so großer Dichte Fortbildungen. Immer wieder hat man sich und das eigene Tun hinterfragt, man hat neue Entwicklungen aufgegriffen und sich den zeitlichen Gegebenheiten jeweils angepasst. Demensprechend konnte so im Zusammenspiel mit AHS-Direktorenverband, der Standesvertretung und der Gewerkschaft auch der letzte Angriff auf das Fach größtenteils erfolgreich abgewehrt werden. Schulautonomie macht das möglich.
Grammatik pauken ist modernem Unterricht gewichen
Die Zeiten, als Latein als Mittel zur intellektuellen Selektion herhalten musste, sind gottlob längst vorüber. Das sture Pauken und Exerzieren der Grundgrammatik ist einem modernen, thematisch abwechslungsreichen Unterricht gewichen. Der Einsatz neuer Medien (und auch der KI) ist weitverbreitet und integrativer Bestandteil des Unterrichtsgeschehens. Die gründliche Analyse lateinischer Originaltexte war ohnedies seit jeher darauf aus, den Zielsetzungen eines Autors nachzuspüren, und so beispielsweise die politische Propaganda eines Augustus oder die manipulativen Strategien Caesars aufzudecken. Latein braucht sich also auch hinsichtlich seiner Aktualität und demokratiepolitischen Relevanz nicht zu verstecken. Die Einführung irgendwelcher diffusen, neuen Fächer ist deshalb absolut nicht vonnöten.
Um den Anforderungen eines Sprach- und Kulturfaches allerdings gerecht werden zu können, bedarf es für Latein weiterhin einer Wochenstundenzahl, die als Output mehr zulässt als bloß Verben konjugieren und Substantive deklinieren zu können. Denn wenn nur mehr das übrig bliebe, dürfte sich zurecht die Sinnfrage stellen.
An das Ende meiner Ausführungen möchte ich explizit meinen Dank dem Kartellsenior Simon Brandstätter v/o Romulus dafür aussprechen, dass er im letzten Couleur so eindeutig Stellung für Latein und für eine vernünftige Bildungspolitik bezogen hat. „Numquam retro!“
Zuletzt noch ein Buchtipp für alle, die sich mit der Idee des Gymnasiums als einer Bildungswerkstatt anfreunden können: Friedrich Maier, Das Gymnasium, Eine Werkstatt der Menschlichkeit, IDEA Verlag, Palsweis 2025. ISBN 978-3-98886-029-3
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