Voice of Europe: Wissen, Können, Charakter
Bildung ist mehr als Spezialisierung. Sie lebt von Wissen, Können und Charakter. Entdecke, warum Europas Bildungsideal, das duale System und echte Herzensbildung gerade heute wichtig sind, um junge Menschen stark, frei und verantwortungsvoll ins Leben zu begleiten.
„Wir haben ein Spezialistensystem.“ Das ist die Antwort, die man immer bekommt, wenn man einem chinesischen Diplomaten ein Kompliment für sein gutes Deutsch macht. Das gilt freilich für deutschsprachige Länder. Und es ist verhält sich sicher genauso mit dem jeweiligen Sprachraum.
China ist riesig, und China hat eine andere Geschichte und Bildungstradition als Europa. China hat den Anspruch, unter vielen Menschen die Besten für eine Aufgabe zu finden, und deren Stärken dann zu stärken. Das gilt auch für die Zeit vor der Kulturrevolution. Und es ist zunächst nicht eine Wertung, sondern es ist eine Standortbestimmung. Europas Bildungstradition und unser Bildungsideal beruhten gerade nicht auf der Spezialisierung, sondern auf dem Generalismus, auf den dann Fachkenntnisse aufbauen.
Der Begriff der Universität vermittelt das: Der Anspruch ist, Wissenschaft und Lehre universell zu betreiben und zu vermitteln. „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“, steht auf der Mauer des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien. In jeder Generation haben sich Menschen gefunden, die sich an der kleinen grammatikalischen Unschärfe in diesem Satz aus dem Staatsgrundgesetz 1867 gestoßen haben. Denn „die Wissenschaft und ihre Lehre“ – das ist Plural. Und „ist“, das ist Singular.
Aber hier schlägt die Bedeutung die Grammatik, was nachgerade poetischen Charakter hat, und jenen der diesem Satz inhärenten Freiheit sowieso. Wer etwas weiß oder kann, will das auch vermitteln, will es weitertragen, der nächsten Generation weitergeben. Das ist eine menschheitsalte Erfahrung, in der es kaum kulturelle Unterschiede gibt wie jenen zwischen den Traditionen des der Spezialisierung und des Generalismus. Nicht zuletzt die generationenübergreifende Struktur macht Studentenverbindungen so wertvoll.
Dass vermittelt gehört, was man weiß oder kann, trifft freilich nicht nur auf die akademische Bildung zu, sondern auf jede Bildung, auch und gerade die handwerkliche. Wir können uns glücklich schätzen, hierzulande das sogenannte duale Ausbildungssystem zu haben. Partnern aus aller Welt erkläre ich es so, dass bei uns in Österreich ein Wirtschaftsbetrieb auch eine Bildungsstätte ist, besonders wenn Lehrlinge ausgebildet werden. Das sorgt regelmäßig für Erstaunen, sogar innerhalb Europas. So haben wir eine geringe Jugendarbeitslosigkeit und mehr Chancen für viele Menschen, durch Bildung und Arbeit etwas aufzubauen, durch Berufsausbildung und Facharbeit.
Auch die humanistische Bildung gehört zu den tradierten Elementen unseres Bildungssystems, für die wir uns glücklich schätzen können. Latein gehört dazu. Das in Frage zu stellen, zeugt von Unverständnis dafür, wie Fähigkeiten und Fertigkeiten einerseits mit Allgemeinbildung und strukturiertem Denken andererseits zusammenhängen.
„Über allem Wissen steht das Können, und darüber der Charakter“, soll Karl Duisberg gesagt haben. – Damit wird nicht nur das Handwerk auf den Thron gehoben („das Können“), sondern auch das, was man Charakterbildung nennt. Klar ist das Gewissen des Menschen eine Art Letztinstanz für Entscheidungen. Aber damit gemeint kann nur das sein, was man „gebildetes Gewissen“ nennt. Gerade in Zeiten von Echokammern und einem Mangel an Austausch von Mensch zu Mensch ist in allem menschlichen Potenzial die Empathie ein schützenswerter Faktor.
Ja, Können und Wissen können sogar zum Bösen gereichen, statt zum Guten, wenn das fehlt, was mit einem antiquierten, aber umso schöneren Wort „Herzensbildung“ genannt wird.