Zum Inhalt der Seite springen

Ostern in den 50er Jahren

Ratscherbuben statt Kirchenglocken, Brotsuppe am Karfreitag und das Suchen des Osternests auf der Wiese: In den 1950er-Jahren prägten im nördlichen Waldviertel zahlreiche Bräuche die Karwoche. Eine Erinnerung an gelebte Volksfrömmigkeit und Traditionen, die heute langsam verschwinden.

Ostern zählte auch in der ländlichen und bäuerlichen Region des nördlichen Waldviertels zu den wichtigsten Festen des Jahres. Um dieses Fest entwickelte sich ein Brauchtum, das in meiner Kindheit und Jugend deutlich präsenter war als heute.
Einige Bräuche und Traditionen, welche noch in der Nachkriegszeit die Tage um Ostern prägten, seien im Folgenden angeführt.

Die Karwoche wurde am Palmsonntag mit der Segnung der Palmzweige und der Palmprozession eingeleitet. Zu Hause wurden in den Tagen davor Weidenzweige – „Palmzweige“ – zu kleinen Büscheln gebunden und von manchen besonders schön geschmückt. Sie wurden von den Gläubigen zur „Palmweihe“ am Palmsonntag auf den Marktplatz mitgenommen. Mit feierlichem Gesang „Hosanna dem Sohn Davids“ endete die an die „Palmweihe“ anschließende Prozession, die an Jesu Einzug in Jerusalem erinnerte, in der Kirche. Jedes Haus war bei diesem Anlass vertreten. Die geweihten Palmbuschen wurden zu Hause hinter die Querbalken der Kreuze an den Wänden gesteckt.

Am Gründonnerstag verstummten bei der abendlichen Eucharistiefeier nach dem Gloria die Kirchenglocken. Den Kindern erzählte man, sie seien „nach Rom geflogen“, was auch allgemein zu einem geflügelten Wort wurde. Auch die Orgel schwieg. Die Aufgaben der verstummten Glocken übernahmen bis zum Auferstehungsgottesdienst die sogenannten „Ratscherbuben“. Dieses Privileg hatten nur die Ministranten, zu denen auch ich zu Beginn der 1950er-Jahre gehörte.

Der Karfreitag war ein streng gebotener Fasttag. Es gab nur eine Mahlzeit, und die bestand aus einer Brotsuppe oder „Stosuppe“ (Milchsuppe). Ein besonderer Ausdruck der Volksfrömmigkeit war am Karfreitag und Karsamstag der Besuch beim „Heiligen Grab“ in der Kirche und die dort abgehaltene Andacht.

Es war bei der Auferstehungsfeier am Karsamstag und beim Gottesdienst am Ostersonntag Tradition, dass die Frauen Fleisch und Brot zur Segnung in die Kirche mitnahmen, ebenso Eier, die am Gründonnerstag eingesammelt worden waren und „Anlasseier“ genannt wurden. Beim Gloria erklangen wieder die Glocken und die Orgel.

Der Vormittag des Ostersonntags war neben dem Besuch des Gottesdienstes für die Kinder die Zeit des Osternestsuchens, das sich manchmal zu einem Wettbewerb entwickelte und in einem Vergleichen der „Ausbeute“ gipfelte. Ein für die Kinder lustiger Brauch war das sogenannte „Eierschupfen“. Auf einer feuchten Wiese wurden die bunt gefärbten Eier in die Höhe geworfen, und Sieger war der, dessen Ei unzerbrochen blieb. Auch das Eierpecken, das Aneinanderschlagen der Ostereier, wurde gerne gepflegt. Der Besitzer des Eies, dessen Schale ganz blieb, freute sich dann über seinen Erfolg. Generell galt die vorösterliche Zeit als eine Zeit der Reinigung – für jeden persönlich, aber auch für Haus und Hof. Einige der Bräuche und Traditionen, die im ländlichen Raum besonders ausgeprägt waren, gibt es Gott sei Dank noch heute. Die gesellschaftliche Entwicklung verdrängt jedoch, wenn auch schleichend, zunehmend dieses wertvolle Kulturgut.