Eine besondere Stille
Karfreitag aus evangelisch-christlicher Sicht
Still, nachdenklich, fast feierlich: Für viele evangelische Christen ist der Karfreitag der eigentliche Mittelpunkt des Glaubens. Ein persönlicher Blick auf einen Tag, der das Leiden nicht ausblendet, sondern Raum schafft für Stille, Mitgefühl und die großen Fragen des Lebens.
Der Karfreitag war für mich als Kind ein seltsamer Tag. Kein lautes Verbot, keine strenge Drohung – und doch war alles anders. Die Welt schien leiser. Früh hat es sich mir eingeprägt und es war selbstverständlich: Am Karfreitag durfte ich zum Beispiel nicht einfach so Fußball spielen. Nicht im Garten, und schon gar nicht rund um die Kirche, in deren Nähe ich damals in Kärnten wohnte. Und eine Uhrzeit war dabei unumstritten herausragend: 15 Uhr. Die Todesstunde Jesu.
Als Kind habe ich das erst langsam verstanden. Aber ich erinnere mich, dass diese Stille keine bedrückende war. Sie hatte etwas Eigenartiges, fast Feierliches. Als würde der Tag selbst langsamer atmen. Kein Lärm, kein Streit, kein Alltag wie sonst. Stattdessen Zeit – zum Nachdenken über mein Leben und die Welt. Heute sehe ich darin eine Erfahrung, die viel mit dem christlichen Verständnis des Karfreitags zu tun hat, egal ob aus evangelischer, katholischer oder orthodoxer Sicht.
Für viele in meiner Glaubenstradition ist der Karfreitag in gewisser Weise der höchste Feiertag des Jahres. Das überrascht manche, für die meist Ostern oder Weihnachten im Mittelpunkt stehen. Doch evangelisch, das heißt: der frohen Botschaft („Evangelium“) gemäß betrachtet, liegt der Kern des Glaubens nicht zuerst im festlichen Glanz, sondern in diesem einen, verstörenden Ereignis: dem Kreuz. Im Leiden und Sterben Jesu.

Der Karfreitag führt mitten hinein in die Bruchstellen des Lebens. Er ist kein Tag des schnellen Trostes, keine fromme Verklärung. Die biblischen Erzählungen verschweigen nichts: Bedrohung, Angst, Verrat, Scham, Spott, Ohnmacht – alles zutiefst menschliche Erfahrungen. Ein Mensch wird verurteilt und hingerichtet. Einer, der von Liebe, von Gottes Nähe, von Würde gesprochen hat. Das Kreuz Jesu ist kein dekoratives Symbol, sondern Ausdruck einer radikalen Hoffnung – dass Gott auch dort gegenwärtig ist, wo wir ihn am wenigsten erwarten.
Historisch war der Karfreitag über lange Zeit ein identitätsstiftender Tag für Evangelische. Nach Jahrhunderten der Benachteiligung wurde er zu einem sichtbaren Zeichen: Unser Glaube, unser Blick auf Christus haben Raum. Dass dieser Feiertag 2019 als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde, empfinden viele bis heute als schmerzlichen Verlust.
Doch unabhängig von diesen juristischen Fragen bleibt die geistliche Dimension:Für mich gehört bis heute die bewusste Verlangsamung dazu. Kein Tag „wie jeder andere“. Im Alltag wie im Gottesdienst bleibt viel Raum für Stille. Für Texte. Für Gedanken, die sonst leicht übertönt werden. Berührend finde ich, dass der Karfreitag nichts beschönigt. Er zwingt nicht zur schnellen Fröhlichkeit. Er erlaubt Trauer, Irritation, offene Fragen. In einer Welt, die dauernd Ablenkung bietet und Unangenehmes gern verdrängt, ist das fast schon ungewöhnlich. Und mein persönlicher Glaube bedeutet eben nicht, allem Schweren auszuweichen, sondern ihm standzuhalten.
Manchmal denke ich an die Nachmittage meiner Kindheit zurück. Kein Fußball, keine lauten Spiele. Stattdessen dieses eigenartige Gefühl, dass die Welt innehält. Vielleicht war das meine erste Ahnung davon, was Karfreitag bedeuten kann: ein Unterbrechen. Ein Innehalten vor dem Leid der Welt. Vor der Verletzlichkeit des Lebens. Vor dem Sterben, das zu jeder menschlichen Geschichte gehört.
Der Karfreitag erinnert daran, dass nicht alles machbar ist, nicht alles „wegzufeiern“. Er öffnet einen Raum für Mitgefühl, für Nachdenklichkeit, vielleicht sogar für Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und vielleicht ist genau das seine bleibende Aktualität – auch für eine Zeitung für Euch, für junge Menschen: die Frage, welche Räume der Stille wir uns in einer lauten Welt noch gönnen. Welche Stimmen wir hören. Wie siehst Du das? Wenn Du magst, schreib mir Deine Gedanken dazu – an matthias.geist@evang.at. Ich antworte Dir sicher – auf Deine Gedanken, Fragen oder auch persönliche Sorgen oder Ohnmacht, wenn Du sie in dieser Welt empfindest! Danke für Dein Nachdenken und Deinen Beitrag!