Der österliche Offenbarungseid
Oder: Warum wir uns das Nest selber legen
Schokohasen, Technik-Gadgets und perfekt gefüllte Osternester: Aus dem Fest der Auferstehung ist vielerorts ein Konsumereignis geworden. Ein augenzwinkernder Blick eines Händlers auf unseren Osterrausch – und auf die Frage, was vom eigentlichen Wunder noch übrig bleibt.
Schau, wir müssen mal Tacheles reden – von Mensch zu Mensch. Als Händler liebe ich Ostern. Ganz geradeaus. Wenn du in meinem Shop vorbeikommst, als wäre ab Karsamstag Weltuntergang und Süßes seit der letzten Eiszeit verboten gewesen, dann geht mir das Herz auf. Und die Kasse gleich mit.
Konsumrausch? Gott hab ihn selig. Er zahlt Miete, Gehälter – und der Staat nimmt auch noch seinen Anteil. Der will ja schließlich auch etwas vom österlichen Wunder abhaben.
Aber dann stehst du da: drei Tüten Technik-Schnickschnack, dazu ein Schokohohlkörper (viel Luft, wenig Schokolade – das könnte auch ein Minister sein), das Schoko-Ding fast so groß wie ein Kleinkind. Du gehst raus, ich schaue auf die Zahlen – und mir wird kurz flau. Wie nach einer ganzen Sachertorte allein: erst herrlich, dann zu viel, am Ende … na ja.
Früher: Eier. Heute: Aufrüstung.
Früher war Ostern überschaubar: Karfreitag Fisch. Sonntag nasses Gras, drei Eier suchen, eins findet man im Juni beim Rasenmähen. Highlight: ein massiver Schokohase und Zuckereier, die so hart waren, dass man danach einen oder zwei Zahnarzttermine brauchte.
Heute ist Ostern ein logistisches Großereignis. Dreistöckige Torten, die eigentlich eine Baugenehmigung bräuchten. Und das „kleine Präsent fürs Nest“ hat Akku, Bluetooth und ein Update, das genau dann kommt, wenn die Oma das festliche Foto machen will.
Wir haben das Fest der Auferstehung in das Fest der Aufrüstung verwandelt. Und ich frage mich als gläubiger Mensch: Ist der Erlöser wirklich für 20 % Rabatt auf Gartenmöbel auferstanden?
Ostern: Weihnachten light
Wir haben es geschafft: Ostern ist „Weihnachten light“. Früher hattest du Sorge, ob beim Färben ein Ei platzt. Heute stresst du dich zu Tode, ob das Tablet rechtzeitig geliefert wird – damit der Nachwuchs im Garten nicht die ultimative Krise inklusive Zollerklärung bekommt.
Wir haben das Fest der Auferstehung in das Fest der Aufrüstung verwandelt. Und ich frage mich als gläubiger Mensch: Ist der Erlöser wirklich für 20 % Rabatt auf Gartenmöbel auferstanden?
Wir feiern den Sieg über den Tod mit dem Kauf von Küchenmaschinen. Merkst du die Chuzpe? Wir suchen den Erlöser und finden: „20 % auf alles – außer auf Tiernahrung.“
Als Christ finde ich das … sagen wir mal: sportlich. Wir rennen einer Hektik hinterher, die wir uns völlig umsonst auferlegt haben – und das nicht einmal billig. Wir dekorieren so exzessiv, dass die heilige Familie vor lauter Plastik wahrscheinlich den Eingang nicht mehr findet. Wir wollen das perfekte „Event“ – und übersehen, dass das eigentliche Wunder ziemlich leise war.
Und jetzt das Beste: Ich bin Teil des Problems.
Versteh mich nicht falsch: Komm rein! Kauf ein! Nimm noch mehr! Ich habe wunderbare Dinge, die du nicht brauchst, aber unbedingt willst. Ich bin Geschäftsmann, kein Heiliger.
Aber wenn du dann mit dem Beutel voller Beute nach Hause gehst: Halte kurz inne. Atme durch. Schau nicht nur ins Nest – schau vielleicht auch mal kurz nach oben. Und hör auf deine Seele.
Denn das wahre Osterwunder gibt’s bei mir leider nicht im Sonderangebot. Es ist unbezahlbar – und macht obendrein nicht dick. Das mit dem Dickwerden feiern wir natürlich auch – aber am 25. März.
In diesem Sinne: Frohe Ostern euch allen – mit prall gefüllten Nestern und genau so viel Hektik, wie in eine Einkaufstüte passt. Mit guter Laune, kleinen Ausreißern im Budget und genau der richtigen Prise Trubel, damit’s nach Fest aussieht – und nicht nach Einsatzplanung und Kaufrausch.
P.S.: Falls euch noch etwas zu Ostern fehlt – schaut vorbei.