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Das Gymnasium – heiß umfehdet, wild umstritten und dennoch so beliebt wie nie zuvor

Das Gymnasium steht unter Druck und bleibt zugleich gefragt wie nie. Zwischen Lehrermangel, Ressourcenfragen und dem Streit um Allgemeinbildung geht es um mehr als Schulpolitik: um die Frage, welche Bildung junge Menschen wirklich stark macht.

Wenn mein Handy läutet, ist es selten ein freundlicher Gruß aus der Bildungsdirektion, der mich erreicht. Häufig ist es die Stimme einer Kollegin oder eines Kollegen, die mit dem Lehrberuf sehr unglücklich sind. Beratungen zu Karenzen, Sabbatical, Schultypwechsel, einvernehmliche Lösungen und Kündigungen stehen auf der Tagesordnung. Mir ist insbesondere ein Telefonat noch sehr präsent, das folgendermaßen begann: „Herr Lechner, wann muss ich spätestens kündigen, damit ich nicht mehr zurück an die Schule muss, falls mein Karenzantrag abgelehnt wird?“

Solche Momente sind es, die mir als oberstem Personalvertreter der Wiener AHS-Lehrer die Realitäten vieler Lehrpersonen vor Augen führen. Wir reden in Sonntagsreden über die „Schule der Zukunft“ oder „Pläne der Zukunft“, während die Realität im Klassenzimmer von Erschöpfung und vielseitigem Druck geprägt ist. Die Bildungsdebatte steht an einem Scheideweg, und ebenso das Gymnasium als Ort der Allgemeinbildung.

Zwischen Idealismus und Systemversagen

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind keine bloßen Schlagworte. In Wien erleben wir eine zunehmende Heterogenität in den Klassen, was oft mit Spannungen durch Multikulturalität einhergeht. Gleichzeitig gerät die Mittelzuteilung in eine gefährliche Schieflage. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat mit seinem „Chancenbonus“ eine Umverteilung initiiert, die das Gymnasium bewusst ausklammert.

Dahinter steckt politisches Kalkül. Man stärkt die Volksschulen und Mittelschulen, nicht aber die AHS. Dabei vergessen die Planer im Ministerium, dass auch unsere Gymnasien in den Wiener Bezirken längst keine „Elfenbeintürme“ mehr sind. Wir beschicken unsere Klassen aus genau jenen Volksschulen, die den Chancenbonus erhalten. Doch sobald die Kinder die Schwelle zum Gymnasium übertreten, scheint ihr Förderbedarf politisch unsichtbar zu werden. Die Folge? Größere Gruppen, höhere Belastungen und LehrerInnen, die sich im Stich gelassen fühlen. Laut dem „Deutschen Schulbarometer“ der Bosch Stiftung (2025) berichten gerade die unter 40-Jährigen von massiver Erschöpfung. Wir riskieren, eine ganze Generation von Lehrkräften zu verlieren, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten können.

Ausbildung oder Bildung?

Ein für mich wichtiges Thema ist der schleichende Angriff auf die Allgemeinbildung. Der Plan des Ministeriums, Latein- und Fremdsprachenstunden zugunsten von Fächern wie „KI und Informatik“ zu kürzen, ist symptomatisch. Man möchte „Ausbildung“ statt „Bildung“.

Natürlich ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz wichtig. Aber muss er auf Kosten von Latein, dem „Logiktraining der Geisteswissenschaften“ gehen? Wir haben als ÖPU einen Kompromiss erkämpft, der den Schulen Autonomie lässt. Doch der ideologische Kampf bleibt. Ich sage ganz deutlich und wende mich hiermit insbesondere an die SchülerInnen-, Eltern- und LehrerInnenvertreter aus unseren Reihen, die nun im Schulgemeinschaftsausschuss entscheiden müssen: Wer Sprachen kürzt, beschneidet den europäischen Geist unserer Jugend. Allgemeinbildung ist kein Luxusgut. „Ein Bildungsbegriff, der sich ganz an der Idee des Nützlichen orientiert, vergisst, dass Menschsein mehr bedeutet, als beschäftigungsfähig zu sein.“ (Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann, „Geisterstunde – Die Praxis der Unbildung“, 2014, S. 180.) Eine Implementierung der Inhalte neuer Fächer in bestehende ist möglich.

Ein Blick auf das Jahr 2036

Wo sehe ich uns in zehn Jahren? Wenn wir den Kurs nicht korrigieren, befürchte ich, dass immer weniger Ressourcen für wachsende Aufgaben zur Verfügung stehen werden. Jedoch sehe ich auch eine Chance. Die Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen wird zum entscheidenden Kriterium. In einer Welt voller Algorithmen wird die menschliche Führung im Klassenzimmer zum wertvollsten Gut.

Was würde ich jungen LehrerInnen mitgeben?

Fachliche Expertise schafft Freiräume: Nur wer sein Fach wirklich durchdrungen hat, hält sich den Rücken frei für das Zwischenmenschliche. Ich fordere hier ein Umdenken an den Universitäten. Zurück zu mehr Fachwissen, statt aufgeblasener Bildungswissenschaften!
Engagement über den Tellerrand: Die besten LehrerInnen, die ich kenne, haben ihre Sozialkompetenz nicht im Hörsaal, sondern im ehrenamtlichen Engagement gelernt. Sei es in unseren Verbindungen, in Vereinen oder Organisationen, in der Kirche, bei der Musik, im Sport oder bei kreativen Tätigkeiten. Verantwortung zu übernehmen, lernt man nicht aus Büchern.
Standhaftigkeit: Lassen wir uns nicht von bürokratischen Hürden zermürben. Es ist bezeichnend, dass mich häufig KollegInnen aus Mittelschulen anrufen, die in die AHS wechseln wollen. Trotz eventuell drohender Gehaltseinbußen oder Befristungen, suchen sie die Qualität und den Anspruch, den das Gymnasium bietet.

Trotzdem schön Lehrer zu sein

Ich möchte vor allem junge LeserInnen dazu ermutigen, Lehrperson zu werden. Schon in meiner Jugend habe ich bei FCs und während meiner Zeit als Mitarbeiter der NÖ-Landesverbandsschulung gemerkt, dass das Unterrichten etwas für mich ist. Dabei war mir das Miteinander immer sehr wichtig. Das Zwischenmenschliche macht den Beruf so besonders und jeden Tag einzigartig.
In Verbindungen kommt man sehr häufig mit Wissensvermittlung und Begeisterung für das „Fach“ in Berührung. Warum es nicht zum Beruf machen?