Schule brennt. Punkt.
Ein Junglehrer berichtet aus dem Alltag einer sogenannten „Brennpunktschule “ in Wien-Simmering (11. Bezirk). Er zeigt, warum Schule mehr ist als nur Unterricht und wo das System an seine Grenzen stößt.
Als ich neben meinem Studium im Schuljahr 2022/23 in meiner jetzigen Ganztagesmittelschule zu unterrichten begann, war meine Freude groß. Endlich „echter Unterricht“. Im ersten Schuljahr noch mit einer halben Lehrverpflichtung, arbeite ich inzwischen Vollzeit, bin Klassenvorstand einer dritten Klasse, IT-Kustos, Mobile-Device Manager (verantwortlich für die Laptops, die jeder Schüler in Österreich in der 5. Schulstufe bekommt) und Mitglied des Schulentwicklungsteams. Dass Junglehrer schon nach wenigen Jahren so viele Aufgaben übernehmen, ist bei uns eher die Regel als die Ausnahme. Auch, weil wir ein sehr junges Team sind und somit fast alle Klassenvorstände und das gesamte Schulentwicklungsteam aus Lehrern mit dem neuen Dienstrecht (gilt seit 2019 für neue Lehrkräfte) besteht. In diesen vier Jahren im öffentlichen Dienst habe ich viele positive Erfahrungen, emotionale Momente, ernüchternde Situationen und kraftraubende Tage erlebt.
Mein Resümee: Schule brennt. Nicht in der Klasse oder im Unterricht, sondern rundherum – im schulischen Umfeld, im Schulsystem. In den kommenden vier Kapiteln versuche ich, dieses Fazit anhand von Praxisbeispielen zu erläutern.
Lernerfolg als Schüler
Schule soll ein Ort sein, an dem Kinder nicht (nur) für einen Beruf ausgebildet, sondern auf das Leben vorbereitet werden. Dazu braucht es neben dem offensichtlichen inhaltlichen Lernen eine zweite, genauso wichtige Bildungsebene: soziales Lernen, Soft Skills, Umgang mit Technologien, etc. In meiner Schule ist es oft notwendig, den sozialen Aspekt in den Mittelpunkt zu stellen, wodurch das inhaltliche Lernen oft leidet, da es keine zeitlich vorgesehenen Räume für soziales Lernen gibt. Dennoch möchte ich den Elefanten im Raum ansprechen, der das klassische „Stoff nach Lehrplan“-Lernen zusätzlich erschwert: Unzureichende Deutschkenntnisse. Das bedeutet in der Praxis: Das Unterrichtsniveau wird an das Deutschniveau der Kinder angepasst. Fachbegriffe werden zwar gelernt, aber die Sprache, mit der wir erklären, muss sich dem Niveau anpassen. Ich rede hier nicht von Kindern, die vor kurzem nach Österreich geflüchtet sind, sondern von Kindern, deren Eltern und Großeltern schon hier aufgewachsen sind, aber zu Hause immer noch kein Deutsch sprechen. Es kommt nicht selten vor, dass ich bei Elterngesprächen einen Übersetzer brauche, da diese Eltern zu schlechtes Deutsch sprechen, um ein Gespräch zu führen.
Zusätzlich zur sprachlichen Barriere gibt es weitere Faktoren, die den Lernerfolg der Schüler erschweren:
• Künstliche Intelligenz, die die Motivation der Schüler drastisch senkt („Wozu müssen wir das lernen, jede KI kann das sofort beantworten?“)
Hier versuche ich als Lehrer immer wieder auf die Meta-Ebene zu gehen und den Schülern ganz transparent zu sagen, dass sie dieses Thema wahrscheinlich tatsächlich nie im Leben brauchen werden. Aber das, was sie am Weg zum Verständnis des Themas lernen, ist das eigentliche Ziel. Das kann auch keine künstliche Intelligenz jemals ersetzen. Das hilft oft, aber nicht immer…
• Nachhilfe, die leider oft in einem Teufelskreis endet: Die Schüler, die Nachhilfe bekommen, passen im Unterricht weniger auf, da sie vor der Schularbeit eh alles von der Nachhilfe erklärt bekommen. Nach der Schularbeit ist dann alles vergessen, weil die Themen mit der Nachhilfe nur kurzfristig gelernt wurden. Den Schülern fehlt damit die Basis, um weitere Themen zu verstehen. Und das Spiel geht von vorne los.
• Fehlende Unterstützung im Elternhaus. Damit meine ich nicht nur, dass zu Hause das Lernen der Kinder nicht begleitet wird, sondern auch das fehlende Interesse am Schulerfolg der Kinder. Ich habe nicht erst einmal erlebt, dass ein Frühwarngespräch nicht angenommen wurde.Auch wenn Dr. Michael Häupl mit seiner Aussage zum neuen Lehrerdienstrecht „Wenn i 22 Stunden in da Woche arbeite, dann bin i am Dienstag z’Mittog fertig. Kann i hamgehn.“ legendär wurde, sieht die Realität deutlich anders aus.
Aufgaben als Lehrer
Aktuell arbeite ich circa doppelt so viele Stunden pro Woche, wie meine Lehrverpflichtung (22 Wochenstunden) umfasst. Die meiste Zeit benötige ich für die Unterrichtsvor- und Nachbereitung, dicht gefolgt von den Aufgaben als Klassenvorstand, die mit einer Wochenstunde vergütet werden, was maximal als schlechter Scherz gemeint sein kann. Klar, ich habe auch Kollegen, die mit deutlich weniger Aufwand durch ihre Woche kommen, aber mein Anspruch an eine Lehrperson ist ein anderer. Wenn wir den Kindern nicht vorleben, dass gute Vorbereitung, Disziplin und Pflichtbewusstsein für das Leben entscheidend sind, wer dann?
Hier ein kurzer Überblick über die Aufgaben außerhalb des Unterrichts:
• Eine Bindung zu den Schülern aufbauen. Zumindest in unserer Schule gilt: Ohne Beziehung kein Unterricht. Das ist harte Arbeit und wird gerne unterschätzt. Respekt zu bekommen, nur weil man Lehrer ist, spielt es nicht. Respekt kann man sich nur verdienen, das kostet Zeit und Energie und hört auch nie auf. Wer dieses „Spiel“ versteht, hat auch an einer „Brennpunktschule“ eine gute Zeit.
• Elternarbeit, die auch außerhalb von Elternabenden und KEL-Gesprächen sehr fordernd sein kann. Vor allem an unserer Schule haben wir immer wieder Suspendierungen, die viele Elterngespräche bedingen.
• Ausflüge und Projekttage, die meist außerhalb der Dienstzeit sind.
• Organisatorisches: Abwesenheiten eintragen, Formulare für die Klasse verwalten, Schülerausweise, Kontaktadressen aktuell halten, etc. Die Liste ist hier sehr lange.
• Konferenzen und Fortbildungen außerhalb der Dienstzeit.
• Zusätzliche Tätigkeiten für die Schule: Schulentwicklungsteam, verschiedene Kustodiate und weitere Aufgaben für den Schulstandort. Jeder Lehrer im neuen Lehrerdienstrecht hat zwei Wochenstunden den sogenannten „pädagogischen Dienst“ und zwei Wochenstunden weitere standortbezogene Tätigkeiten zu absolvieren.
Systemprobleme
Beispielhaft möchte ich folgende Probleme im Schulsystem nennen:
• Fehlende Konsequenzen für unmotivierte Lehrer: Klingt hart, ist aber für alle Lehrer, die ihren Job ernst nehmen, ein Motivationstöter. Es gibt sie, die ein bis zwei Kollegen, die ständig krank sind, den Unterricht nicht vorbereiten, sich an keine Regeln halten und die Kinder im Unterricht am Handy spielen lassen. Die Konsequenzen für diese Lehrer: Nicht vorhanden. Sie bekommen das gleiche Gehalt, haben einen unbeschwerten Schulalltag und sind bei den Schülern genauso beliebt, weil sie die geltenden Regeln nicht einfordern. Welche Motivation bleibt da für alle anderen Lehrern, es nicht auch so zu machen? In meinem Fall nur mein Idealismus, den ich hoffentlich nie ablege.
• Fehlende Differenzierung im Unterricht: Die früheren drei Leistungsgruppen wurden abgeschafft und in zwei „Standard“ und „Standard-AHS“ Gruppen aufgeteilt. Dafür gibt es Teamteaching in den Hauptfächern, zumindest drei von vier Wochenstunden. Da wir aber keinen freien Raum in unserer Schule haben, heißt das in der Praxis: Alle Kinder bekommen denselben Unterricht und die AHS-Gruppe bekommt schwierigere Aufgaben. Wenn der Zweitlehrer da ist und das Whiteboard am Gang (!) nicht besetzt ist, ist circa einmal pro Woche ein eigener Unterricht pro Gruppe möglich. Vor allem für die „AHS-Kinder“ ist dieses System sehr belastend. Sie sind unterfordert und bekommen nicht den Unterricht, den sie verdienen.
• Suspendierungen: Kinder, die gewalttätig werden oder die Schule verunstalten, werden suspendiert. Das heißt, die Kinder werden ein paar Tage bis zu vier Wochen vom Unterricht ausgeschlossen und bleiben zu Hause. Verpflichtungen? Gibt es nicht. Der Lerneffekt für Schüler: Ich benehme mich absolut daneben und darf dann mehrere Tage bzw. Wochen zu Hause bleiben und muss nicht in die Schule. Immerhin: Die Bundesregierung hat hier nachgeschärft – ab Herbst 2026 gelten hier neue Regeln , die auch die Eltern in die Pflicht nehmen.
• Integrationsklassen: Jede Schulstufe hat bei uns eine Integrationsklasse mit circa sechs Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Für diese Kinder gilt ein eigener Lehrplan und sie werden zusätzlich von einem Integrationslehrer betreut. Aber, nur für 22 Stunden von 43 Stunden pro Woche. Die restlichen 21 Wochenstunden sind die Kinder auf sich allein gestellt. Das bedeutet konkret für meinen Unterricht: Entweder ich senke das Niveau für alle Kinder drastisch, oder sechs Kinder verstehen kein Wort, was ich sage.
Integration
Die großen politischen Fragen zum Thema Integration werden oft auf die Schule projiziert. Da bei uns an der Schule mehr als 50% der Kinder muslimisch und weniger als 15% der Kinder römisch-katholisch sind, ist dieses Thema allgegenwärtig. Aber nicht im negativen Sinn. Als Klassenvorstand versuche ich den Kindern klarzumachen, dass das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen in der Schule beginnt. Das bedeutet, dass wir nicht nur darüber sprechen, warum wir an den kirchlichen Feiertagen frei haben und was die Christen da eigentlich feiern, sondern, dass alle Kinder ihre religiösen Feste und Traditionen erklären und darüber berichten dürfen. Zu Weihnachten gibt es einen Adventkalender in der Klasse und vor dem Zuckerfest einen Ramadan-Kalender. Gemeinsam mit meiner Co-Klassenvorständin, die auch Islam unterrichtet, behandeln wir diese Themen regelmäßig im Unterricht. Was die Kinder dabei lernen? Es gibt nicht „die eine richtige“ Religion, sondern es gibt viele verschiedene Kulturen, die sich in manchen Punkten ähnlich sind, in anderen weniger. Den friedlichen Umgang miteinander vorzuleben, ist das große Ziel. Und, bevor jetzt manchen der Atem stehenbleibt – ja, natürlich gehe ich auch immer wieder auf unsere österreichische Kultur ein. Von „Wienerisch für Anfänger“-Stunden, die die Kinder super lustig finden, bis hin zu Austro-Pop Musik, sind viele Stunden über das „typisch Österreichische“ dabei.
Fazit
Der Beruf als Lehrer ist wunderschön, aber er ist sehr fordernd, emotional und anstrengend. Das System hat viele Schwachstellen und die erwähnten Probleme führen dazu, dass Schule zu sogenannten „Brennpunktschulen“ werden. Letztlich bleiben jedoch die (sozialen) Lernerfolge der Kinder, die einem das Gefühl geben: „Heute habe ich etwas Sinnvolles getan.“