Gedanken zur (religiösen) Bildung
Religiöse Bildung ist mehr als Haltung und Privatsache. Sie braucht Wissen, Gewissen und den Mut, Glauben im Alltag sichtbar zu leben. Gerade in Zeiten neuer Lehrpläne und gesellschaftlicher Debatten stellt sich die Frage, was wir weitergeben wollen und wofür wir einstehen.
Karwoche. Schneegestöber. Ich sitz auf einer Hütte. Gerade denke ich an die kommenden Tage, die Einsetzung der Eucharistie, die Stiftung des Priestertums, das Leiden und den Tod Jesu und die fröhliche Auferstehung in der Nacht der Nächte. Da greife ich zu meinem Telefon, schau kurz was es Neues gibt und bekomme die Nachricht vom Terror gegen ein christliches Dorf serviert, die Reaktion muslimischer Männer, weil Christen in Syrien durch ihre Zivilcourage eine junge Frau vor dem entfesselten, randalierenden und zu jeder Schandtat bereiten Mob bewahrt haben. Soweit vermutlich ein leider beinahe alltäglicher Vorgang, von dem wir nur dank entsprechend filternder Medien (fast) nichts mitbekommen. Meine Gedanken sind kurz bei diesen Menschen in ihrer Bedrängnis, dann münze ich die Botschaft um und poste das Video in meine Verbindungsgruppe mit dem Hinweis: Ein kleiner vorösterlicher Input für den Fall, dass jemand wo den Satz hören muss: „N.N. müssen wir da in die Kirche gehen?“ „Nein, wir dürfen!“
Werte
Dann denke ich mir, bald haben wir Klassentreffen meiner Volksschulklasse, dafür gibt’s natürlich auch eine WhatsApp Gruppe. Ich erliege meiner Versuchung und poste es auch dort…
„Danke für den Input Trotz dem Besuch einer katholischen Volkschule halte ich meine Haltung zur Religion – welcher auch immer – weiterhin privat. Meine Haltung ist im übrigen eine humanistische.“
Ohne auf Orthographie und Grammatik eingehen zu wollen, welche Werte muss ich für mich als relevant erkannt haben, dass der Hinweis auf die Verletzung der Menschenrechte zu solch einer Reaktion führt? Welche Haltung darf man sich vorstellen, soll das sein? Jedenfalls wird es mit Humanismus nicht viel gemein haben, mit dem Christentum jedenfalls hat zum Unrecht zu Schweigen nichts zu tun. Gottesdienst feiern, Werke der Nächstenliebe und ein Zeugnis des Glaubens durch unser Leben zu geben, das sind die sogenannten Grundvollzüge von Kirche. Dazu gehört auch, „denen eine Stimme zu geben, die keine haben“, wie Dr. Franz Kardinal König formulierte oder „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber zu Verbrechen“, wie Papst Leo XIII sagte, obwohl die Worte exklusive des letzten Satzteiles gerne Bert Brecht zugeschrieben werden. Wenigstens brach dann in der Gruppe kein Kotsturm los, es blieb ruhig, was ich aber eher der Ferienzeit und der Kommunikationsübersättigung zuschreiben würde, als dem Befund, dass der Rest der ehemaligen Klasse im theologisch-philosophischen Haltungsturnen mit mir voll und ganz übereinstimmt. Wir werden im Herbst vielleicht weniger über Haltungen sprechen, sondern über das Pilatestrainig meines Hamsters und die Aufregung, dass der Gummibaum vielleicht ein Blatt bekommt. Hoffentlich ist niemand dann gekränkt. Ich musste an den Leiderhaltungssatz nach Norbert Bolz „Wer unter immer weniger zu leiden hat, leidet unter immer weniger immer mehr“ denken. Schön, dass es denen allen so gut geht, denke ich mir und…vielleicht ist mehr Hirn wichtiger als Haltung….
Wissen
…es geht munter weiter, neben mir am Tisch sitzt ein Ehepaar aus Wien. Wir kommen ins Gespräch. Wie wichtig christliche Werte sein. Dass Österreich doch christlich ist, nein sie wäre nicht ausgetreten, das sei wichtig. Gestern hat der eine Sohn hier so ein tolles Steak gegessen, der andere will nun auch, verständlich. „Ich würde für Freitag so ein Wagyusteak reservieren wollen.“ Ich schweige, eine gewisse Überwindung, übermorgen ist Karfreitag. Beschaffung von Wissen und dieses im Alltag anzuwenden ist auch eine Frage der Eigenverantwortung, wir Korporierte werden durch unser Prinzip Scientia ja gelegentlich daran erinnert unser Hirn nicht verrosten zu lassen.
Weiterdenken
Zeitgleich fast bekam ich das Email des Bildungsministers wo uns die Veränderungen des Lehrplanes geoffenbart wurden. Ich verspüre nahezu Gänsehaut, ich meine beim Lesen die Stimme aus dem Dornbusch wahrnehmen zu können, um dann enttäuscht doch nur Salomonische Weisheit suchen zu dürfen. Im Norden werden die Laptops aus den Klassen verbannt, jene Geräte deren Hersteller Ihre Kinder stehts davor zu schützen wussten, wir führen sie jetzt mal mit viel Aufwand in jeder Hinsicht ein. Österreich. Statt das ewige Zaudern positiv zu nutzen, mit voller Energie hinein in das Desaster. Wirtschaftskunde soll gestärkt werden, digitale Kompetenz und allerlei sonstiger Zauber. In der Praxis von der ich rede, denn die Tintenburgen sind nicht meine Lebenswelt, ist unser bildungshungriger Nachwuchs in der Unterstufe trotz digitaler Grundbildung weder in der Lage im 10 Fingersatz zu schreiben, oftmals nicht einmal die simpelsten EDV-Kenntnisse anzuwenden. Ich spreche vom Erstellen eines Ordners, diesen benennen, ein Worddokument erstellen und in diesen einfügen. Also der digitale Ersatz des Religionsheftes. Vergiss es. Im Philosophiestudium lernte man sich vom Einfachen zum Schwierigen vorzutasten, warum das in Bildungsfragen nicht anzuwenden sinnvoll wäre entzieht sich meiner Kenntnis, erfolgversprechend ist es nicht. Kassensturz wäre angebracht-Evaluierung nennt man es heute-sind wir auf den Hund gekommen? Die Ausbildung und Formung junger Menschen scheint wieder einmal mit dem Entstehen von Diamanten verwechselt zu werden, die gedeihen unter Druck sehr schön, habe ich gelernt. Nun ein paar Wochen später kommt noch der Entwurf der Resolution des Europarates über religiöse Bildung und Erziehung hinzu. Ein Frontalangriff auf die Weitergabe unsers Glaubens, also ein Vorbote einer Kriegserklärung an uns Katholiken und all jener die wissentlich oder unwissentlich im Schatten dieser Mutter Kirche einen Nutzen für die Gestaltung ihres Lebens haben. Denn unterminiere ich die Bildung, zerstöre ich die Zukunft. Das ist ein Grundsatz, der immer gewusst wurde und stets von üblen Mächten praktiziert wurde. Mutig hat darum auch der zuständige Bischof, Wilhelm Krautwaschl den Resolutionsentwurf kritisiert. Sinkende Schülerzahlen beruhen auf der Demographie und der Taufpraxis nicht an der Qualität des Religionsunterrichtes! Veränderungen kann man möglicherweise in strukturellem Bereich erwägen, nicht jedenfalls den katholischen Inhalt mit dem zu groß erscheinenden Bad ausschütten. Um fit zu sein im Umgang mit Menschen anderer oder keiner Religionen, ist es notwendig die eigene zu kennen. Warum dies nach mehr als 2000 Jahren jetzt anders funktionieren soll, erschließt sich mir nicht gänzlich. Ich denke Antworten auf die Fragen der Jugend geben zu können, mit dem eigenen (Glaubens)leben den Versuch eines Vorbildes zu wagen, dabei die selbst erhaltene Lehre unverkürzt weitergeben, das sind erprobte Rezepte, Methoden die ihre Feuertaufe bestanden haben. Wenn verstanden wird, dass die Epoche der Volkskirche und des Vereinskatholizismus soziale Konstrukte der Vergangenheit sind und der Bekenntnischarakter einer Forcierung bedarf, wird sich in allen Belangen der Erfolg einstellen, beim Religionsunterricht, in der Verbindung, in manchen Pfarren und in der Kirche ganz allgemein. Dazu ist es nötig nicht zu sagen: „Man müsste!“, sondern sei selbst der Mann! Wenn es wir nicht tun, machts Keiner. „Fürchtet Euch nicht!“ kann uns dafür als Motiv und Wegweisung helfen.
Foto: UNSPLASH.COM/ETIENNE-GIRARDET