Ostern zwischen Ottakring und Ukraine
Wie Paska, Pysanky und Eierpecken zusammenhängen
Ottakring ist bekannt für Marktleben und Brauereitradition – doch rund um die Familienkirche wird zu Ostern auch ukrainisch gefeiert. Zwischen Paska, kunstvollen Pysanky und österreichischem Eierpecken begegnen einander hier zwei Osterwelten, die zeigen, wie lebendig und vielfältig gelebter Glaube sein kann.
Der 16. Bezirk in Wien ist bekannt für die Brauerei, den Brunnenmarkt und sein Balkanflair. Wenig bekannt ist hingegen, dass es in der Pfarre Neuottakring eine ukrainisch-griechisch-katholische Seelsorgestelle gibt, die mit dem Ukrainekrieg starken Zuwachs erhielt. Seelsorger für die Gläubigen des lateinischen und des byzantinischen Ritus ist Lyubomyr „Lyubo“ Dutka, der aus der Westukraine stammt. Er ist seit 2017 Pfarrmoderator und seit vielen Jahren Verbindungsseelsorger der Normannia Wien.
Lyubo erzählt, dass in der byzantinischen Liturgie die Fastenzeit schon am Montag vor dem Aschermittwoch beginnt, allerdings ohne Spendung des Aschenkreuzes. Als Einstieg werden an den ersten vier Tagen Gottesdienste mit jeweils 40 Kniebeugen gefeiert. Fasten bedeutet in der östlichen Tradition nicht nur der Verzicht auf Fleisch, sondern auch auf Milchprodukte, denn die Fastenregeln sind strenger. Ein weiterer Unterschied zu den westlichen Traditionen ist das Gedenken an die Verstorbenen in der Fastenzeit, das durch den Ukrainekrieg an Bedeutung gewonnen hat. Bei den Samstagsgottesdiensten wird der Toten gedacht. In den Familien werden Bücher mit den Namen der Verstorbenen geführt. Diese werden sogar aus der Heimat nach Wien gebracht und der Priester liest bei der Liturgie die Namen aller Verewigten aus den vorgelegten Büchern vor.
Lyubo berichtet, dass die Passanten in Ottakring verwundert schauen, wenn Burschen und Mädchen vor der Kirche tanzen. Viele von ihnen tragen dabei die traditionell bestickten Vyshyvanka-Hemden.
Das Osterfest feiern beiden Gemeinden in der Familienkirche nach dem gregorianischen Kalender am gleichen Wochenende. Für Lyubo bedeutet dies, dass er die verschiedenen liturgischen Traditionen und die Gottesdienstzeiten unter einen Hut bringen muss. Die Unterschiede zeigen sich, wie er erzählt, beispielhaft bei den Liturgien am Karsamstagabend. Beim byzantinischen Gottesdienst, der vor der lateinischen Osternacht in der Familienkirche stattfindet, stehen noch die Leiden Christi und die Grabwache im Mittelpunkt, während bei der römisch-katholischen Osternachtsfeier schon die Auferstehung gefeiert wird. Byzantinisch wird die Auferstehung dann am Sonntagmorgen in einem Frühgottesdienst gefeiert, oder um 12 Uhr, der üblichen Beginnzeit der Sonntagsliturgie. Nach der Liturgie grüßt man sich mit „Christos voskrese!“ („Christus ist auferstanden!“) – „Voistynu voskrese!“ („Wahrhaft auferstanden!“). Nach dem Besuch des Gottesdienstes gehen die ukrainischen Katholiken am Ostersonntag nach Hause zum Ostermahl, kommen in der Familie zusammen und treffen Verwandte und Freunde. Am Nachmittag trifft man sich wieder vor der Familienkirche, um in größerer Gemeinschaft zu feiern und zu tanzen. Organisiert wird das Tanzen vor der Kirche von der ukrainischen Jugend, dieses ist aber mehr weltliche als kirchliche Tradition. Lyubo berichtet, dass die Passanten in Ottakring verwundert schauen, wenn Burschen und Mädchen vor der Kirche tanzen. Viele von ihnen tragen dabei die traditionell bestickten Vyshyvanka-Hemden.
Als Ministrant bei Gottesdiensten im lateinischen und im byzantinischen Ritus ist seit acht Jahren der 20-jährige Ivan sehr engagiert, der auch bei Normannia aktiv ist. Er wurde in der Ukraine geboren und lebt mit seinem Bruder und seinen Eltern in Neuottakring. Er erzählt, dass die Speisensegnung zu Ostern einen hohen Stellenwert hat. In Körben und in bestickte Tücher eingeschlagen, bringen viele ukrainische Familien schon am Karsamstagnachmittag zur Segnung Speisen in die Kirche, auf die sie in der Fastenzeit verzichtet haben: Wurst, Eier, Brot, Käse, Butter. Unbedingt dazu gehört Paska, ein Brot aus Hefeteig mit Eiern, Milch, Rosinen, Nüssen und Trockenfrüchten. Eine große Bedeutung haben Pysanky, die traditionellen Ostereier. Dafür gibt es eine eigene Veranstaltung in der Pfarre, zu der Kinder und Erwachsene kommen und bei der sie die typische ukrainische Verzierungstechnik lernen können. Die Eier haben für Ivan aber auch eine in Österreich altbekannte Bedeutung: Das Eierpecken gehört für ihn und seinen Bruder zum Ostermahl dazu. So fließen in Ottakring österreichische und ukrainische Osterbräuche schon ineinander, wie Ivan selbst feststellt.