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Lumen Christi (Stephansdom). © ERZDIÖZESE WIEN/SCHÖNLAUB

Wenn das Exsultet erklingt

Osterfeuer, Exsultet und lange Liturgien: Für Pater Vitus Weichselbaumer ist die Osternacht der Höhepunkt des Kirchenjahres. In persönlichen Erinnerungen erzählt er von schlaflosen Nächten, bewegenden Begegnungen und Momenten, in denen die Botschaft von Auferstehung und Hoffnung besonders spürbar wird.

Dass es der wichtigste Anlass im ganzen Jahr ist, das hohe Osterfest, zu dem ich mich hier mit ein paar Gedanken einreihen darf, ist mir eine große Freude. Der priesterliche Alltag bringt die Gefahr mit sich, dass manches zu routiniert abläuft, was doch immer etwas Außergewöhnliches sein soll. Wenigstens bei der Osternacht kann das schwerlich passieren. Nur einmal im Jahr brennt das Osterfeuer vor der Kirchentür, nur einmal im Jahr ertönt das Exsultet – ein erhebender Moment, selbst wenn sonst vieles zur Gewohnheit geworden wäre.

Als Liebhaber gepflegter Liturgie kann ich gar nicht genug Osternacht haben. In jüngeren Jahren ging sich angesichts der Heiligkeit dieser Nacht das Schlafengehen für mich kaum aus. Während meiner Zeit im Priesterseminar der Diözese Linz wäre Schlaf ohnehin hinderlich gewesen. Für uns war die Teilnahme an der Domliturgie zu den hohen Festen eine Ehre und zugleich die Gelegenheit, einen großen liturgischen „Betrieb“ kennenzulernen. Das brachte viel Wundersames mit sich – etwa die beeindruckende Größe der Sakristei, die professionelle Vorbereitung und die Vielzahl liturgischer Gegenstände – aber auch manch Desillusionierendes. Gespräche in der Sakristei lehnten sich thematisch nicht immer an die „draußen“ stattfindende Feier an, und gestresste Liturgen konnten einen unerfahrenen Ministranten durchaus fordern.

Nach der Domosternacht ging die Feier in den Räumlichkeiten des Seminars mit dem Genuss der Weihespeisen weiter. Gegen die sonst eintretende Trockenheit half Festtagswein. Schlafengehen zahlte sich anschließend gar nicht erst aus, denn bei den Linzer Karmelitinnen fand die Osternacht erst in der Früh des Sonntags statt. Diese kontemplative Schwesterngemeinschaft nimmt sich viel Zeit für diesen Anlass. Alle neun Lesungen werden vorgetragen, dazu feierliche Prozessionen und Musik. Nach einer schlaflosen Nacht stellte sich bei mir jedoch der Kampf mit dem Schlaf ein. Ich hatte Glück, dass ich ministrieren durfte: Die Augen, die während der Lesungen regelmäßig zufielen, gingen beim Buchdienst wieder ordentlich auf – zumindest bis zur nächsten Lesung.

Und doch ist Jesus genau dafür gestorben: dass der Tod nicht der schreckliche Abgrund ins Nichts ist, sondern das Portal zum ewigen Leben bei Gott.

Dieses Ministrieren ging mir ab, als nach Laudes und Frühstück im Seminar das Hochamt im Dom folgte. Die bischöfliche Predigt hat es leider nur in ihren ersten Minuten in mein Bewusstsein geschafft. Dafür war das Chorgestühl viel zu gemütlich und der Schlaf zu fordernd.

Einige Jahre später stand ich selbst als Pfarrer in der Verantwortung für die Osternacht. Am Ende der Feier bekannte ich, dass ich am liebsten noch stundenlang weiterfeiern würde – was ausgerechnet bei einer sehr frommen Familie ein vernehmliches Seufzen hervorrief. Beim anschließenden Fastenbrechen erfuhr ich den Grund: Die Familie hatte das strenge Fasten vom Karfreitag auf den Karsamstag ausgedehnt und in der Osternacht bereits lebhafte Vorstellungen von Fleisch, Eiern und Süßigkeiten entwickelt.

Zwei weitere Osterfeste aus meiner Jugendzeit sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Meine Eltern und ich verbrachten wenige Tage vor dem Tod Johannes Pauls II. die österlichen Festtage in Rom. Die Mundbewegungen des heiligen Vaters, der sprechen wollte, aber nicht mehr konnte, haben dennoch genug ausgesagt – besonders im Licht seines bald darauf folgenden Todes.

Und noch ein anderes Osterfest wurde von Abschied begleitet. Zu einer Zeit, in der ich eigentlich schon zu alt war für die kindliche Begeisterung beim Eiersuchen, fand dieser Brauch dennoch statt – auch zur Freude meiner Großmutter. Dass sie wenige Monate später sterben würde, konnte ich nicht ahnen. Nach ihrem Begräbnis fand ich noch ein von ihr verstecktes Osternest. Die Trauer kam noch einmal zurück. Letztlich war die Dankbarkeit stärker, dieses Osterfest noch gemeinsam erlebt zu haben. Es scheint unpassend, dass gerade Todesfälle das Osterfest begleiten. Und doch ist Jesus genau dafür gestorben: dass der Tod nicht der schreckliche Abgrund ins Nichts ist, sondern das Portal zum ewigen Leben bei Gott.

Ein großes Fest will gut vorbereitet sein. Als Christen bereiten wir uns auch innerlich vor. Wie viele junge Menschen konnte auch ich früher mit dem kirchlichen Leben wenig anfangen. Nach und nach hat es sich mir erschlossen. Das letzte Sakrament, zu dem ich Zugang gefunden habe, war die Beichte. Womit ich mich lange schwergetan habe, halte ich heute mit umso größerer Dankbarkeit hoch. Viele Jahre ging ich nur einmal jährlich beichten, weil es als Mindestmaß gilt. Heute wüsste ich nicht, wie ich ohne diese Stärkung auskäme. Auch wenn die Beichte mittlerweile öfter auf meinem Programm steht: Die Osterbeichte bleibt etwas Besonderes.

Was wir aus der Heiligen Schrift, aus Betrachtungen und Unterricht wissen, bereichert unser Glaubensleben. Doch vor allem die gefeierte Liturgie lässt uns das Geschehen, das zwei Jahrtausende zurückliegt, unmittelbar erfahren.

Liebe Bundesbrüder, liebe Kartellbrüder, liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche euch ein gesegnetes Osterfest – ein Fest, das uns mit Dankbarkeit und Zuversicht angesichts des unglaublichen Liebesopfers Jesu erfüllt und viele erhebende Momente in unser Leben einschreibt.