Radio-Interview mit Kartellsenior Simon Brandstätter v/o Romulus
Latein-Streit spitzt sich zu: MKV kritisiert öffentlich Bildungsreform
Der Streit um die geplante Reduktion des Lateinunterrichts an Österreichs Gymnasien nimmt weiter Fahrt auf. Nach dem geschlossenen Rücktritt der vom Bildungsministerium eingesetzten Lehrplangruppe meldet sich nun auch der Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV) erneut deutlich zu Wort.
Im Interview mit Radio Content Österreich übte Bundesjugendobmann (Kartellsenior) Simon Brandstätter v/o Romulus NBF! scharfe Kritik an den Reformplänen von Bildungsminister Christoph Wiederkehr.
Für den MKV ist der Rücktritt der sechsköpfigen Expertengruppe ein klares Zeichen dafür, dass mit der Reform etwas nicht stimmt. Der Verband habe bereits zuvor davor gewarnt, dass die geplante Reduktion des Lateinunterrichts in der Oberstufe von zwölf auf acht Wochenstunden ein schwerer Eingriff in das Profil des humanistischen Gymnasiums sei.
Kurzer Ausschnitt aus dem Programm der Antenne Steiermark
Und hier das gesamte Interview:
1. Bildungsminister Wiederkehr hat durch den geschlossenen Rücktritt der Lehrplangruppe einen deutlichen Rückschlag erlitten – waren die Pläne aus Ihrer Sicht grundlegend unausgereift?
Romulus: „Der geschlossene Rücktritt der gesamten Lehrplangruppe ist ein deutliches Warnsignal. Wenn jene Experten, die mit der Ausarbeitung eines neuen Lehrplans beauftragt wurden, ihr Mandat aufgrund grundlegender inhaltlicher Differenzen mit dem Ministerium zurücklegen, zeigt das, dass es hier nicht um Detailfragen geht, sondern um fundamentale Probleme im Reformansatz.
Aus Sicht des MKV bestätigt sich damit unsere Kritik der letzten Wochen. Die geplante Reduktion des Lateinunterrichts in der AHS-Oberstufe von zwölf auf acht Wochenstunden stellt einen tiefgreifenden Eingriff in das Profil des humanistischen Gymnasiums dar und wurde offensichtlich ohne ausreichende fachliche Abstimmung vorbereitet.
Gerade bei einer so grundlegenden Lehrplanänderung wäre eine enge Zusammenarbeit mit Fachwissenschaft, Fachdidaktik und schulischer Praxis notwendig gewesen. Wenn diese Expertise nun offenbar nicht ausreichend berücksichtigt wurde, muss man die Frage stellen, ob der Reformprozess in dieser Form tatsächlich tragfähig angelegt war.“
2. Der MKV verteidigt Latein vehement – aber ist eine Stundenreduktion von zwölf auf acht Wochenstunden nicht doch vertretbar, angesichts des wachsenden Bedarfs an Informatik- und KI-Bildung?
Romulus: „Der MKV stellt sich keineswegs gegen den Ausbau von Informatikunterricht oder gegen die Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz. Im Gegenteil: Eine moderne Allgemeinbildung muss selbstverständlich auch digitale Kompetenzen und ein kritisches Verständnis neuer Technologien vermitteln.
Problematisch ist jedoch die Art und Weise, wie diese Reform derzeit konzipiert ist. Hier wird suggeriert, dass moderne Bildung nur durch die Reduktion klassischer humanistischer Fächer möglich sei. Diese Gegenüberstellung von Humanismus und Technologie ist künstlich und bildungspolitisch wenig überzeugend.
Latein ist kein nostalgisches Randfach, sondern eine zentrale Grundlage für historisches Denken, sprachliche Analyse und das Verständnis europäischer Rechts- und Wissenschaftstraditionen. Darüber hinaus trägt Latein wesentlich zum Verständnis der deutschen Sprache bei, da Grammatik, Syntax und ein großer Teil des Wortschatzes historisch stark vom Lateinischen geprägt sind.
Gerade vor dem Hintergrund der ohnehin besorgniserregenden PISA-Ergebnisse im Bereich Lesen und Deutsch wäre es aus unserer Sicht bildungspolitisch widersinnig, ausgerechnet jene Fächer zu schwächen, die analytisches Sprachverständnis und Lesekompetenz fördern. Digitale Bildung und humanistische Bildung schließen einander nicht aus. Eine nachhaltige Reform müsste beides miteinander verbinden, statt das eine gegen das andere auszuspielen.“
3. Es soll nun mit einer neuen Expertengruppe weitergearbeitet werden – wie bewerten Sie diesen Schritt?
Romulus: „Der Rücktritt der bisherigen Lehrplangruppe hat deutlich gemacht, dass es offenbar grundlegende Auffassungsunterschiede über die Richtung der Reform gibt. Eine neue Expertengruppe kann nur dann sinnvoll arbeiten, wenn ihre fachlichen Einschätzungen auch tatsächlich in den politischen Entscheidungsprozess einfließen.
Andernfalls besteht die Gefahr, dass lediglich ein neues Gremium eingesetzt wird, um einen bereits festgelegten politischen Kurs nachträglich zu legitimieren. Eine nachhaltige Lehrplanentwicklung erfordert jedoch einen echten Dialog zwischen Ministerium, Fachwissenschaft, Lehrkräften und Schülervertretungen, der sich – anders als von Bildungsminister Christoph Wiederkehr vorgeschlagen – kaum innerhalb weniger Monate abschließen lässt.“
4. Was sind Ihre konkreten Forderungen an Minister Wiederkehr – was muss jetzt als nächstes passieren?
Romulus: „Aus Sicht des MKV braucht es jetzt vor allem eine bildungspolitische Kurskorrektur.
- Erstens sollte die geplante Reduktion der Lateinstunden in der AHS-Oberstufe vorerst ausgesetzt werden. Eine so grundlegende Veränderung darf nicht umgesetzt werden, solange zentrale fachliche Fragen ungeklärt sind.
- Zweitens braucht es einen echten Dialog mit Fachleuten, Lehrkräften und Schülervertretern. Lehrplanreformen müssen auf breiter fachlicher Basis entwickelt werden und dürfen nicht als kurzfristige politische Projekte entstehen.
- Und drittens sollte eine zukünftige Reformstrategie darauf abzielen, moderne Kompetenzen wie Informatik, KI und Medienbildung sinnvoll in den Unterricht zu integrieren, ohne dabei die bewährten Grundlagen humanistischer Bildung zu schwächen.
Österreich braucht im Bildungsbereich keine symbolpolitischen Schnellschüsse, sondern langfristig tragfähige Konzepte. Der Rücktritt der Lehrplangruppe sollte daher als Anlass genommen werden, den Reformprozess neu aufzusetzen und breiter abzustimmen.“